Barba Nora
Wunderprediger & Reliquienhändler
 


Kostprobe (1) ...

Himmel & Hölle
Barba Noras Brevier

Rudolf Baier
Lesung aus dem ersten Buch der Jongleure

Eine gauklerhafte Schöpfungsgeschichte,
aufgeschrieben von einem Weggefährten Barba Noras,
auf eine ganz eigenwillige Art,
obgleich Barba Nora zur Auffassung neiget,
dass,
wenn es sich so nicht ereignet hat,
es doch ganz leicht
so hätte stattfinden können

Am Anfang hob der Jongleur seine Arme; die Hände aber waren öde und leer; das Nichts lag in den Fingern, und der Geist des Jongleurs ruhte auf ihnen. Der Jongleur sprach: Es werde Rund! Und es wurde Rund. Der Jongleur sah, dass das Rund gut war. Der Jongleur schied das Runde vom Flachen, und er nannte das Runde Ball und das Flache nannte er Boden. Es wurde Ball, es wurde Boden: das erste Werk.

Dann sprach der Jongleur: Eine Flugbahn entstehe, parabelförmig, aus dem Wurf des Balles von der einen zur anderen Hand. Der Jongleur machte also den Wurf und ließ eine Flugbahn entstehen, parabelförmig, von einer Hand zur anderen. Der Jongleur sah, dass der Wurf gut war, und der Jongleur warf den Ball nochmals und abermals. Es wurde Werfen, es wurde Fangen: das zweite Werk.

Dann sprach der Jongleur: Zwei Bälle sammeln sich in einer Hand, damit die andere Hand frei werde. So geschah es. Der Jongleur sah, das es gut war. Dann sprach der Jongleur: Die Hand lasse die Bälle fliegen in allen Arten von Formen. So geschah es. Die leere Hand steckte der Jongleur in die Tasche, mit der anderen aber warf er beide Bälle in allen Arten von Formen. Und der Jongleur nannte die Zwei-Ball-Jonglage Säule. Es wurde Ball, es wurde Säule: das dritte Werk.

Dann sprach der Jongleur: Ein dritter Ball soll in der freien Hand sein, um Zwei-Ball- von Drei-Ball-Jonglage zu scheiden. Er soll Zeichen sein und zur Bestimmung des Jongleurs dienen; er soll zusammen mit den anderen Bällen in der Luft sein und über die Erde dahinfliegen. So geschah es. Der Jongleur nahm den dritten Ball und warf ihn in einem Muster mit den anderen in die Luft. Und der Jongleur nannte die Wurfform Kaskade. Der Jongleur sah, dass es gut war. Es wurde Ball, es wurde Kaskade, das vierte Werk.

Sodann sprach der Jongleur: In der Luft wimmle es von Bällen, und sie sollen über dem Boden am Himmelsgewölbe dahinfliegen. Der Jongleur schuf alle Arten von großartigen Übungen und Tricks. Der Jongleur sah, dass es gut war. Der Jongleur nahm die Bälle und sprach: Seid fruchtbar für die Geschicklichkeit und vermehret die Konzentration. Es wurden Übungen, es wurden Tricks, das fünfte Werk.

Dann sprach der Jongleur: Es ist nicht gut, dass der Jongleur allein sei; ich will ihm eine Hilfe machen als sein Gegenstück. Gemeinsam sollen sie herrschen über die fliegenden Bälle, über die schwebenden Ringe, über die wirbelnden Keulen und über alles zuwerfende Gerät. Der Jongleur schuf also den Partner als sein Abbild; als Abbild des Jongleurs schuf er ihn. Der Jongleur sprach: Seid fruchtbar in neuen Ideen und vermehrtet die Freude im Publikum, bevölkert die Feste und Feiern, unterwerft sie der guten Laune und herrscht über die fliegenden Bälle, die schwebenden Ringe, die wirbelnden Keulen und über alles zu werfende Gerät. Der Jongleur sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut. Es wurde Jonglieren, es wurde Partner: das sechste Werk.

So wurde das Jonglierwerk vollendet und sein ganzes Drehen, Werfen und Fangen. Als siebtes Werk vollendete der Jongleur das, was er geschaffen hatte, und er ruhte danach, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

AD 1998 (Idee und Ausführung: Rudolf Baier, 1980)


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